Schon zu Beginn der Woche zeichnete sich ab, dass eine Alpenüberquerung von Stuttgart aus am kommenden Samstag möglich sein sollte. Ein Traum, den einige unserer Gasballon-Piloten schon seit der Einweihung unseres Startplatzes vor ca. 10 Jahren, immer wieder im Geiste durchspielten. Dies wäre in der bald 100 jährigen Geschichte des Stuttgarter Ballonsports die erste Alpenüberquerung direkt von Stuttgart aus. Mit etwa 30 Gasballonfahrten im Jahr und den beiden netzlosen Ballonen von „Stuttgarter Hofbräu“ sowie unserem gesamten sonstigen Equipment ist unser Verein schon seit geraumer Zeit für eine solche Fahrt gut gerüstet.
Tomas Hora hatte ohnehin wegen einer weiteren Leistungsfahrt das Wetter intensiv im Auge und begann bereits mit den ersten Vorbereitungen für eine Weitfahrt in Nord/- Südrichtung. Wegen der grösseren Weite plante er seine Aktion allerdings von Bitterfeld aus. Da war es einfach, sich an einen routinierten Leistungsfahrer anzuhängen, obgleich unsere Intensionen grundverschieden sind. Mein oberstes Ziel war die Überquerung der Alpen von Stuttgart aus zu machen, wobei der Genuss und die Faszination Gasballonfahren – wie übrigens bei den meisten meiner Fahrten – im absoluten Vordergrund stehen sollte. Wie der spätere Verlauf und die Bilder zeigen werden, sind wir bei dieser Fahrt voll auf unsere Kosten gekommen.
Ab Mittwoch war klar, dass Martin Bartels ebenfalls zur Verfügung steht und damit ein routinierter IFR Flieger, der den Flugsicherungsteil der Fahrt optimal abdeckt, dabei sein wird. Werner Kern und Wolfgang Hirsch übernahmen das Verfolgen und somit war die Crew perfekt.
Das Wetter vom Freitag zeigte, dass der Start von Stuttgart aus möglich ist, da der Wind höchstens aus 10 Grad mit bis zu 35 Knoten in der Höhe wehen wird und somit die Einfahrt in die Poebene östlich Turin als sicher galt.
In der Nacht hatte es zwar noch kräftig geregnet aber davon war bis zum Start nur noch eine aufgebrochene Wolkendecke übrig geblieben. Diese durchstiegen wir zügig mit 2 bis 3 Meter pro Sekunde um dann unter sternklarem Nachthimmel mit nahezu Vollmond und ca. 50 km/h die Fahrt nach Süden aufzunehmen.
Unsere Verfolger waren bereits eine Stunde vor uns Richtung Gotthard und Italien aufgebrochen. Den Schnee- und Regenschauer, den Sie bereits bei Herrenberg durchfuhren, hatten Sie uns besser nicht mitgeteilt, wobei seitens des Wetters ohnehin die optimalen Bedingungen erst ab dem Alpenvorland prognostiziert waren.
Entgegen der Vorhersage allerdings drehte der Wind ab Sigmaringen immer mehr auf Nord-Ost und auch die Windinformationen, die wir von in Zürich startenden und landenden Maschinen erhalten hatten, bestätigten diesen ungünstigen Trend. Dieser hätte bedeutet, dass wir die Poebene nicht erreichen würden, sondern viel mehr in die „landegeländefreie“ Region des Montblanc kommen würden. Gott sei Dank hatte der Wind hinter Zürich ein einsehen mit uns gehabt und wieder auf die alte Po Route eingedreht, was dann auch für den Rest der Fahrt so bleiben sollte.
Zürich Radar war ohnehin sehr hilfsbereit und kooperativ, mussten wir doch in unmittelbarer Nähe des Flughafen Kloten vorbei, was überhaupt kein Problem darstellte. Nochmals danke nach Zürich!
Vor Luzern fiel dann die finale Entscheidung, wir fahren weiter! Jetzt in 14000 ft mit 66 km/h Richtung 183 Grad.
Der Einsatz der vereinseigenen Sauerstoffanlage ging problemlos und wir fuhren bei idealen Bedingungen über den Vierwaldstädter See in die Schweizer Alpen ein.
Ein Panorama das sich kaum beschreiben lässt. Im Südwesten das Berner Oberland mit der Eiger-Nordwand, dem Mönch und der Jungfrau, dahinter das Matterhorn mit seinem bizarren Profil. Vor uns das Wallis und einige Gletscher und nach Osten, Berge so weit das Auge reichte. Über uns stahlblauer Himmel ohne aber auch nur das geringste Wölkchen.
Die Temperatur mit knapp unter 0° C war äußerst angenehm; kurz um, die Bedingungen der ersten Alpenüberquerung ab Stuttgart waren prächtig und meine Ansprüche an eine „Genussfahrt“ scheinten sich mehr als nur zu übererfüllen.
So zogen wir an Engelberg vorbei, überquerten die Bundesstrasse 11 von Brienz nach Andermatt und genossen den Alpenhauptkamm, stellvertretend durch die Region des Winterbergs.
Auf halber Strecke über den Alpen sahen wir noch zwei weitere Ballone westlich von uns. Im Funk hörten wir, dass es sich um Kurt Frieden handelte, der mit seinem Ballon ebenfalls Richtung Süden unterwegs war. Auch Tomas, der einige Stunden vor uns in Bitterfeld gestartet war, hörten wir später im Funk.
Einziges Problem war die Information von Zürich Radar, dass wir keine Einfahrtgenehmigung für Italien wegen starkem Verkehrsaufkommen bekommen würden und wir noch vor der Italienischen Grenze zu landen hätten. Eine heftige Intervention von unserer Seite mit Verweis auf den freigegebenen Flugplan, der explizit die Freigaben für die Route Stuttgart, Zürich Landegebiet Mailand beinhaltet, brachte die Lösung. Nach mehreren Rückfragen der Züricher Controllerin in Mailand hatte es die freundliche Schweizerin doch geschafft, dass wir an Mailand-Info übergeben werden konnten und von da an die Fahrt bis zur Landung ohne jegliche Auflagen problemlos fortsetzen konnten.
Zwischenzeitlich hatten wir den Rhonegletscher und kurze Zeit später das Rhonetal überquert.
Die ganze Fahrt über fuhr der Ballon völlig stabil und ohne eine nennenswerte „Schippe Sand“ hatten wir den südlichen Teil der Alpen und damit Italien erreicht. Daß ich ein Fan der Wörner-Ballone bin ist bekannt. Sieben Sack Sand bei üppiger Ausrüstung an Gerät, Verpflegung und sonstigem Material in knapp 5000 Metern sprechen eine eigene Sprache.
Ich habe natürlich noch gut die Alpenüberquerung meines Vaters gemeinsam mit Werner Geisslreither vor 25 Jahren mit unserem damaligen Ballon „Graf Zeppelin“ in Erinnerung. Die alte Hülle hatte gut das zweieinhalbfache an Gewicht als unser Ballon heute. Um sich hier in eine etwas komfortablere Position zu bringen, wurde seinerzeit ein kleinerer Korb angebracht, primitive Radarreflektoren zur Erkennung für die Flugsicherung und ein alter Schlafsack für den Fall einer ungewollten Alpenlandung, wurden als Sonderausrüstung mit genommen. Toll war das auch, aber irgendwie sind wir da heute deutlich besser dran. Ich hatte diese Fahrt, die übrigens ebenfalls Anfang November war, damals gemeinsam mit meinem Bruder Andreas verfolgt.
Die Po-Ebene lag jetzt deutlich vor uns, auch Mailand und Modena waren im Dunst gut auszumachen. Unter uns das Blau des Lago Maggiore und damit war das südliche Ende der Alpen erreicht. Wir entschlossen uns noch eine gute Stunde in der grossen Höhe und den idealen Bedingungen weiterzufahren und genossen noch ausgiebigst die Schönheit unseres Sports.
Die Verfolger hatten sich an der Autobahn A4 zwischen Mailand und Turin gut postiert, sodass sie beim Abstieg in unserer unmittelbaren Nähe waren und bei der Landung dann auch dabei sein konnten.
Nach 415 km Fahrtlinie sind wir westlich Vercelli auf einem Grünstreifen zwischen leicht moorigen Äckern problemlos gelandet.
Besser hätte die erste Alpenüberquerung von Stuttgart aus nicht laufen können und ich hoffe, dass noch möglichst viele unserer Mitglieder einmal die Möglichkeit haben werden, dieses einzigartige Ballonerlebnis erfahren zu dürfen.