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1. Alpenüberquerung Drucken

Erste Alpenüberquerung vom Stuttgarter Gasballonstartplatz aus am 04. November 2006 geglückt.

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Schon zu Beginn der Woche zeichnete sich ab, dass eine Alpenüberquerung von Stuttgart
aus am kommenden Samstag möglich sein sollte. Ein Traum, den einige unserer
Gasballon-Piloten schon seit der Einweihung unseres Startplatzes vor ca. 10 Jahren,
immer wieder im Geiste durchspielten. Dies wäre in der bald 100 jährigen Geschichte des
Stuttgarter Ballonsports die erste Alpenüberquerung direkt von Stuttgart aus.
Mit etwa 30 Gasballonfahrten im Jahr und den beiden netzlosen Ballonen von „Stuttgarter
Hofbräu“ sowie unserem gesamten sonstigen Equipment ist unser Verein schon seit
geraumer Zeit für eine solche Fahrt gut gerüstet.

Tomas Hora hatte ohnehin wegen einer weiteren Leistungsfahrt das Wetter intensiv im
Auge und begann bereits mit den ersten Vorbereitungen für eine Weitfahrt in Nord/-
Südrichtung. Wegen der grösseren Weite plante er seine Aktion allerdings von Bitterfeld
aus. Da war es einfach, sich an einen routinierten Leistungsfahrer anzuhängen, obgleich
unsere Intensionen grundverschieden sind. Mein oberstes Ziel war die Überquerung der
Alpen von Stuttgart aus zu machen, wobei der Genuss und die Faszination
Gasballonfahren – wie übrigens bei den meisten meiner Fahrten – im absoluten
Vordergrund stehen sollte. Wie der spätere Verlauf und die Bilder zeigen werden, sind wir
bei dieser Fahrt voll auf unsere Kosten gekommen.

Ab Mittwoch war klar, dass Martin Bartels ebenfalls zur Verfügung steht und damit ein
routinierter IFR Flieger, der den Flugsicherungsteil der Fahrt optimal abdeckt, dabei sein
wird. Werner Kern und Wolfgang Hirsch übernahmen das Verfolgen und somit war die
Crew perfekt.

Das Wetter vom Freitag zeigte, dass der Start von Stuttgart aus möglich ist, da der Wind
höchstens aus 10 Grad mit bis zu 35 Knoten in der Höhe wehen wird und somit die
Einfahrt in die Poebene östlich Turin als sicher galt.

Start 0400 UTC Cannstatter Wasen, Stuttgart 

In der Nacht hatte es zwar noch kräftig geregnet aber davon war bis zum Start nur noch
eine aufgebrochene Wolkendecke übrig geblieben. Diese durchstiegen wir zügig mit 2 bis
3 Meter pro Sekunde um dann unter sternklarem Nachthimmel mit nahezu Vollmond und
ca. 50 km/h die Fahrt nach Süden aufzunehmen.

 2400m Höhe, über den Wolken kurz vor Sonnenaufgang

Unsere Verfolger waren bereits eine Stunde vor uns Richtung Gotthard und Italien
aufgebrochen. Den Schnee- und Regenschauer, den Sie bereits bei Herrenberg
durchfuhren, hatten Sie uns besser nicht mitgeteilt, wobei seitens des Wetters ohnehin die
optimalen Bedingungen erst ab dem Alpenvorland prognostiziert waren.

Entgegen der Vorhersage allerdings drehte der Wind ab Sigmaringen immer mehr auf
Nord-Ost und auch die Windinformationen, die wir von in Zürich startenden und landenden
Maschinen erhalten hatten, bestätigten diesen ungünstigen Trend. Dieser hätte bedeutet,
dass wir die Poebene nicht erreichen würden, sondern viel mehr in die „landegeländefreie“
Region des Montblanc kommen würden. Gott sei Dank hatte der Wind hinter Zürich ein
einsehen mit uns gehabt und wieder auf die alte Po Route eingedreht, was dann auch für
den Rest der Fahrt so bleiben sollte.

Zürich Radar war ohnehin sehr hilfsbereit und kooperativ, mussten wir doch in
unmittelbarer Nähe des Flughafen Kloten vorbei, was überhaupt kein Problem darstellte.
Nochmals danke nach Zürich!

Vor Luzern fiel dann die finale Entscheidung, wir fahren weiter! Jetzt in 14000 ft mit 66
km/h Richtung 183 Grad.

Der Einsatz der vereinseigenen Sauerstoffanlage ging problemlos und wir fuhren bei
idealen Bedingungen über den Vierwaldstädter See in die Schweizer Alpen ein.

Panorama Schweizer Alpen hinter Luzern

Ein Panorama das sich kaum beschreiben lässt. Im Südwesten das Berner Oberland mit
der Eiger-Nordwand, dem Mönch und der Jungfrau, dahinter das Matterhorn mit seinem
bizarren Profil. Vor uns das Wallis und einige Gletscher und nach Osten, Berge so weit
das Auge reichte. Über uns stahlblauer Himmel ohne aber auch nur das geringste
Wölkchen.

Die Temperatur mit knapp unter 0° C war äußerst angenehm; kurz um, die
Bedingungen der ersten Alpenüberquerung ab Stuttgart waren prächtig und meine
Ansprüche an eine „Genussfahrt“ scheinten sich mehr als nur zu übererfüllen.

Blick auf das Engelbergtal und Engelberg

So zogen wir an Engelberg vorbei, überquerten die Bundesstrasse 11 von Brienz nach
Andermatt und genossen den Alpenhauptkamm, stellvertretend durch die Region des
Winterbergs.

Region um Winterberg

Auf halber Strecke über den Alpen sahen wir noch zwei weitere Ballone westlich von uns.
Im Funk hörten wir, dass es sich um Kurt Frieden handelte, der mit seinem Ballon
ebenfalls Richtung Süden unterwegs war. Auch Tomas, der einige Stunden vor uns in
Bitterfeld gestartet war, hörten wir später im Funk.

 Alpenpanorama

Einziges Problem war die Information von Zürich Radar, dass wir keine Einfahrtgenehmigung
für Italien wegen starkem Verkehrsaufkommen bekommen würden und wir
noch vor der Italienischen Grenze zu landen hätten. Eine heftige Intervention von unserer
Seite mit Verweis auf den freigegebenen Flugplan, der explizit die Freigaben für die Route
Stuttgart, Zürich Landegebiet Mailand beinhaltet, brachte die Lösung. Nach mehreren
Rückfragen der Züricher Controllerin in Mailand hatte es die freundliche Schweizerin doch
geschafft, dass wir an Mailand-Info übergeben werden konnten und von da an die Fahrt
bis zur Landung ohne jegliche Auflagen problemlos fortsetzen konnten.

Zwischenzeitlich hatten wir den Rhonegletscher und kurze Zeit später das Rhonetal
überquert.

Rhonegletscher

Die ganze Fahrt über fuhr der Ballon völlig stabil und ohne eine nennenswerte „Schippe
Sand“ hatten wir den südlichen Teil der Alpen und damit Italien erreicht.
Daß ich ein Fan der Wörner-Ballone bin ist bekannt. Sieben Sack Sand bei üppiger
Ausrüstung an Gerät, Verpflegung und sonstigem Material in knapp 5000 Metern sprechen
eine eigene Sprache.

Ich habe natürlich noch gut die Alpenüberquerung meines Vaters gemeinsam mit Werner
Geisslreither vor 25 Jahren mit unserem damaligen Ballon „Graf Zeppelin“ in Erinnerung.
Die alte Hülle hatte gut das zweieinhalbfache an Gewicht als unser Ballon heute. Um sich
hier in eine etwas komfortablere Position zu bringen, wurde seinerzeit ein kleinerer Korb
angebracht, primitive Radarreflektoren zur Erkennung für die Flugsicherung und ein alter
Schlafsack für den Fall einer ungewollten Alpenlandung, wurden als Sonderausrüstung mit
genommen. Toll war das auch, aber irgendwie sind wir da heute deutlich besser dran.
Ich hatte diese Fahrt, die übrigens ebenfalls Anfang November war, damals gemeinsam
mit meinem Bruder Andreas verfolgt.

D-OSTZ

Die Po-Ebene lag jetzt deutlich vor uns, auch Mailand und Modena waren im Dunst gut
auszumachen. Unter uns das Blau des Lago Maggiore und damit war das südliche Ende
der Alpen erreicht. Wir entschlossen uns noch eine gute Stunde in der grossen Höhe und
den idealen Bedingungen weiterzufahren und genossen noch ausgiebigst die Schönheit
unseres Sports.

Blick nach Süden in die Poebene

Die Verfolger hatten sich an der Autobahn A4 zwischen Mailand und Turin gut postiert,
sodass sie beim Abstieg in unserer unmittelbaren Nähe waren und bei der Landung dann
auch dabei sein konnten.

Unpraller Ballon nach Abstieg aus 5000m Höhe

Nach 415 km Fahrtlinie sind wir westlich Vercelli auf einem Grünstreifen zwischen leicht
moorigen Äckern problemlos gelandet.

Die Verfolger am Landeorg

Besser hätte die erste Alpenüberquerung von Stuttgart aus nicht laufen können und ich
hoffe, dass noch möglichst viele unserer Mitglieder einmal die Möglichkeit haben werden,
dieses einzigartige Ballonerlebnis erfahren zu dürfen.

Albrecht Munz im November 2006

 
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